Industrie 4.0 – Verschlafen wir die digitale Revolution?

Zum dritten Mal hat die IHK Köln den Moderator Richard Gutjahr sowie Gäste aus Politik, Forschung und Wirtschaft zum „Digital Talk“ nach Köln eingeladen. Dieses Mal ging es um die Frage, wie gut Deutschland beim Thema Industrie 4.0 aufgestellt ist. Antworten darauf gaben unter anderem Günther Oettinger, der als EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft schilderte, was auf europäischer und nationaler Ebene passiert – und passieren muss, um z. B. von den USA, China und Südkorea nicht abgehängt zu werden. Am Ende könnte das Fazit des Abends lauten: Wir sind in der Industrie 4.0 bestens aufgestellt. Wir besitzen das notwendige Know-how und die Technologie. Um den Anschluss nicht zu verpassen, ist es allerdings jetzt Zeit zu handeln – und mehr Risiken einzugehen.

Die kreative Wucht der Amerikaner

Gleich zu Anfang des Digital Talks betonte Günther Oettinger die „kreative Wucht der Amerikaner“. Marken wie Apple hätten nicht nur eine Marktüberlegenheit, sondern auch einen enorm großen Stellenwert – gerade bei den jungen Menschen, die mit diesen Marken aufwachsen und sich mit ihnen identifizieren. Die Digitalwirtschaft der Amerikaner, die auf eine gesamtwirtschaftliche Überlegenheit ausgerichtet sei, träfe nun auf die Realwirtschaft – besonders auf die deutsche. Das verdeutlichen Zukunftsperspektiven, in denen Apple und Google Autos anbieten und damit die deutsche Automobilbranche fordern werden. Deutschland sei vom digitalen Vormarsch der Amerikaner sehr stark betroffen, sagt Oettinger: „Wir haben mehr als andere zu verlieren, aber auch zu gewinnen!“

Auch in Zeiten der Digitalisierung kommt es auf die Inhalte an

Mit weniger Skepsis sieht Frank Blase, Geschäftsführer der igus GmbH, den digitalen Wandlungsprozessen entgegen. Trotz Digitalisierung und der neu entstandenen Möglichkeiten, dürfe man nicht vergessen, auf was es letztlich ankäme. Software und Apps seien leicht zu beschaffen, aber nur mit den richtigen Inhalten würden sie auch wertvoll: „Die Plattformen sind erschwinglich – auch in Zukunft – aber was darauf steht, ist wichtig. Und da hat jeder auf der Welt eine Chance. Vielleicht helfen die amerikanischen Softwareschmieden sogar, unsere Vermarktung zu erleichtern,“ so Blase. Auch Rudolf Martin Siegers, Leiter Siemens Deutschland, der sich ganz im Sinne der neuen Kommunikationsmittel in die Gesprächsrunde per Facetime Video-Chat zuschalten ließ, ist davon überzeugt, dass Deutschland alle Zutaten besitzt, um die digitale Transformation zu meistern: „Wir haben die Technologie, die Menschen, die Kreativen. Aber wir müssen nun schneller werden.“

Rudolf Martin Siegers, Leiter Siemens Deutschland, wurde beim dritten Digital Cologne via Facetime dazu geschaltet. | © www.nickel-photography.com

Das gelingt, laut Siegers, jedoch nur über Kooperationen. „Wir müssen Leute zusammenbringen. Aber haben wir auch die Infrastruktur, um das zu realisieren?“ Siegers richtete seine Frage an Günther Oettinger, denn die Antwort liegt klar in der europäischen Zusammenarbeit.

Digitale Dienste kennen keine nationalen Grenzen

Die erfolgreiche Gestaltung digitaler Wandlungsprozesse sei ausschließlich mithilfe einer europäischen Strategie machbar, so der EU-Kommissar. Nur durch die Europäisierung digitaler Standards werden die Voraussetzungen für kreative Lösungen und innovative Produktentwicklungen geschaffen. „Wir müssen deutsche Netzwerke europäisieren – dann haben wir den größten und attraktivsten Markt der Welt, nur so können wir konkurrieren.“ Oettinger sieht aber auch andere Sektoren wie das Bankenwesen in der Pflicht, den Wandel zu unterstützen. Die Banken müssten sich darauf einlassen und Start-ups kreditieren, auch wenn sie die Geschäftsmodelle im digitalen Bereich schlechter greifen könnten als traditionelle Unternehmen. Doch ohne staatliche Hilfe ginge es trotzdem nicht: „Wir müssen mehr Geld in die Hand nehmen“, forderte Oettinger.

EU-Kommissar Günther Oettinger fordert: „Wir müssen mehr Geld in die Hand nehmen!“ | © www.nickel-photography.com

Dafür müsse man Einsparungen in anderen Bereichen, bzw. eine Umverteilung der Haushaltsgelder hinnehmen: „Lieber Schlaglöcher als Funklöcher akzeptieren!“, provozierte der EU-Kommissar.

Deutschland – eine Nation gebündelter Kompetenzen

Auch aus der Sicht der Wissenschaft hat Deutschland an diesem Abend keinen Grund, ängstlich zu sein. Frau Prof. Dr. Dr.-Ing. Dr. h. c. Jivka Ovtcharova, vom Karlsruher Institut für Technologie, ging sogar noch einen Schritt weiter: „Wir müssen uns gar nicht mit amerikanischen Konkurrenten vergleichen! Wir haben einzigartige, gebündelte Kompetenzen. Wenn wir überhaupt ein Problem haben, dann nur, dass wir zu vorsichtig, zu langsam sind. Wir brauchen mehr Euphorie und dürfen keine Angst haben, zu scheitern! Industrie 4.0 braucht Raum – auch für Rückschläge, denn dadurch lernt man.“

Prof. Dr. Dr.-Ing. Dr. h. c. Jivka Ovtcharova wünscht sich mehr Euphorie und weniger Angst, zu scheitern. | © www.nickel-photography.com

Die Wissenschaftlerin veranschaulichte, was Digitalisierung bedeutet: Daten aufzunehmen, zu speichern, wiederzuverwenden – und heute die Algorithmisierung smart zu machen: „Darin besteht die Erweiterung unserer Möglichkeiten, es ist eine Erweiterung der Realität.“ Unsere Aufgabe sei es nun, unser Können zu nutzen, um diese Datenauswertung pragmatisch einzusetzen, schlussfolgerte Ovtcharova.

Die Rolle der Unternehmen in der Industrie 4.0

Diejenigen, die tatsächlich gestalten, sind die KMU in Deutschland. Sie müssen sich an Wandlungsprozesse stetig anpassen, weiter wachsen und können eventuelle Rückschläge nicht immer hinnehmen, denn „es ist eine Verantwortung, auch gegenüber den Mitarbeitern“, erklärt Frank Blase aus der Sicht der Unternehmer und erinnert damit an den Geschäftsführer von RTL West Jörg Zajonc.

Frank Blase spricht aus Unternehmersicht und verdeutlicht dabei auch die Verantwortung gegenüber Mitarbeitern. | © www.nickel-photography.com

Dieser hatte im letzten Digital Talk im Juli die Realität eines Unternehmers beschrieben, bei dem es doch primär darum ginge, Geld zu verdienen. Mit seinen Ausführungen hatte Zajonc gezeigt, dass Digitalisierung auch ein emotionales Thema sein kann. An diesem Digital Talk 03 realisierte Zajonc, nicht weniger emotional, seinen Digitalen Zwischenruf aus dem Publikum. Seine Botschaft lautet: „Nach dem Produzieren kommt das Kreieren!“ Geräte müssten heute mit Lösungen verbunden werden – so sei Apple groß geworden und das müsse und könne auch in Deutschland passieren. Wichtig sei es, endlich von der Theorie in die Praxis zu wechseln, forderte Zajonc. Doch die Deutschen stünden sich selbst im Weg. Sie hätten Angst vor den Folgen der Digitalisierung, vor Datenmissbrauch und Kontrollverlust – mehr Vorurteile, als Urteile, so Zajonc. Dabei kann diese Haltung der Deutschen ein Wettbewerbsnachteil bedeuten. Denn „Wer die Daten hat, hat die Macht“, bestätigte Oettinger. Eine Umwandlung und Anpassung der Geschäftsmodelle könne nur mithilfe der Daten funktionieren: „Datenschutz darf nicht zu groß sein, sonst kann man die Daten nicht nutzen. Nur ein kluger Datenschutz hält die Industrie hier“, warnte der EU-Kommissar.

Datenschutz & Zusammenarbeit – so meistern wir die #Digitalisierung in Deutschland. #digitalk 03

Und wo bleibt der Mensch?

Eine Frage, die in dieser Runde zwar spät gestellt, aber dennoch sehr wichtig ist. Judith Klups, Partnerin bei der Zukunftsagenten GmbH, sieht bei Digitalisierungsprozessen den Menschen im Vordergrund. Wer wird in Zukunft welche Aufgabe erledigen? Wie verändert sich die Situation für den Einzelnen und seinen Arbeitsplatz? Auf die Frage des Moderators, wo genau die Probleme lägen, wenn in Zukunft Toaster und Kühlschrank miteinander kommunizierten, möchte Klups zuerst herausfinden, was denn daran positiv wäre. Schließlich übernehmen Maschinen viele Aufgaben im Alltag des Menschen und entlasteten ihn damit.

Judith Klups im Gespräch mit Günther Oettinger – sie sieht bei Digitalisierungsprozessen den Menschen im Vordergrund. | © www.nickel-photography.com

 

Auch Prof. Dr. Wolfgang Prinz, stellvertretender Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik, erläuterte zum Abschluss, mit welcher Fragestellung sich Unternehmer der Digitalisierung nähern können. Die Unternehmer würden sich ja bereits damit besschäftigen, wie sie ihre Produkte schneller und effizienter produzieren können. Darauf aufsetzend müsse heute die nächste Frage lauten, wie Produkte mit digitalen Zusatzdiensten ausgestattet werden können. Unternehmen müssten deshalb verstehen, dass viele Lösungen nicht mehr von innen kommen, sondern durch die Einbeziehung des Kunden, durch Vernetzung und interdisziplinäre Zusammenarbeit, erklärte der Informatiker.

Laut Wolfgang Prinz sei die Digitalisierung im Unternehmen greifbar und der Wandel machbar. Da Prinz als letzter Gast der Runde erst spät zu Wort kam, musste Moderator Gutjahr feststellen, dass er trotz seines Marty-McFly-Outfits, in Reminiszenz an „Zurück in die Zukunft“, gegen die Grenzen seiner Sendezeit auch im Jahr 2015 noch machtlos ist.

Schluss mit digitaler Unterwerfung! Wie Europa zum attraktivsten Markt werden kann! #digitalk 03