Man muss das Zuhören an den Anfang stellen

Die digitale Agenda NRW – was hilft den Unternehmen weiter?

Beim zweiten Digital Talk in Köln diskutierten Prof. Klemens Skibicki sowie fünf weitere Studiogäste die Folgen der Digitalisierung und gaben konkrete Ratschläge, wie Unternehmen wichtige Umwandlungsprozesse meistern.

Ulf Reichardt, Hauptgeschäftsführer der IHK Köln, begrüßt die zahlreichen Gäste des zweiten Digital Talks. | © www.nickel-photography.com

„Im Social Web musst du doch immer seriös auftreten“ – mit dieser vermeintlichen Maxime für die erfolgreiche Nutzung digitaler Kanäle eröffnete Moderator Richard Gutjahr das Gespräch mit dem ersten Gast des Abends am 07. Juli in der IHK Köln. Eine gute Vorlage für Klemens Skibicki, Unternehmer und Professor für Marktforschung und Marketing an der Business School Köln, um zugleich einen wichtigen Grundsatz über die digitale Welt zu definieren: Nicht der Einzelne, nicht die Botschaft des Senders zählt. Was zählt ist, ob die Zielgruppe es interessant findet. Beim Social Web handle es sich nicht mehr um ein einseitiges Sendermedium, sondern um „einen Echtzeit-Rückkanal, bei dem wir genau testen können, was ankommt und was nicht“, erklärte Skibicki. Deshalb ginge es bei der Nutzung von Social Media nicht immer gleich darum, fachliche Themen zu diskutieren. Diese ergäben sich oft von alleine. Wenn man die Menschen erst einmal mit menschlichen Themen abhole. Und dafür sei es am Anfang aller Prozesse wichtig, den Menschen zuzuhören. „Denn durch das Zuhören binde ich die Leute ein und kann sie begeistern“, erklärt Skibicki.

Social Web als Gartenparty: Wenn man weiß, worüber die Leute reden, kann man über das reden, was die Leute interessiert, sich positionieren und Empfehlungen erarbeiten.
Klemens Skibicki, Unternehmer und Professor für Marktforschung und Marketing an der Business School Köln

Menschlich sein – ein großer Aspekt, wenn es um digitale Prozesse und heutige Marketingmaßnahmen geht. Skibicki verglich hierfür das Social Web mit einer riesigen Gartenparty, bei der nicht Pressemitteilungen und Werbeflyer zählen, sondern die persönlichen Gespräche, die von den jeweiligen Gesprächsteilnehmern mit interessanten Inhalten gestaltet werden. Diese Entwicklung habe große Auswirkungen auf die bisherige Markenwelt, die neu überdacht werden müsse, denn es geht heute um die Frage: Wer ist die Person hinter der Marke? Unternehmer müssten sich nun erst an diese Kommunikation gewöhnen. Eine Kommunikation, die nicht mehr einseitig ist, sondern die Unternehmer auffordert selbst und persönlich zu schreiben, zu reagieren und in einer vernetzten Welt zu interagieren. Doch nur wer sich öffentlich positioniert und die Zielgruppe begeistert, kommt überhaupt erst „gegen den gigantischen Informationsüberfluss“ an, betonte der Experte.

 

Der zweite Digital Talk: Interessante Gesprächspartner, spannende Themen und ein Appell für die digitale Transformation

Die IHK Köln als Veranstalter und Impulsgeber für den Digital Talk konnte sich bei dieser zweiten Ausgabe der Talksendung über noch mehr Zuschauer vor Ort, sowie über viele verschiedene Studiogäste freuen. Anstelle des NRW Wirtschaftsministers Garrelt Duin, der krankheitsbedingt absagen musste, standen gleich fünf Studiogäste als Gesprächspartner für Moderator Richard Gutjahr bereit, die nacheinander den Platz zwischen Gutjahr und Skibicki füllten.

Philipp M. Froben, Jörg Zajonc, Frank Behrendt, Dr. Dieter Steinkamp und Valentina Kerst bildeten jeweils in kürzeren Einzelinterviews ein großes Gesamtbild an Eindrücken und Perspektiven, die vor allem bestätigten: Die digitale Transformation hat begonnen; und wir müssen uns diesen Veränderungen stellen.

Ich kann die neuen Rahmenbedingungen nur verstehen, wenn ich vor Ort bin.
Klemens Skibicki

Wie Klemens Skibicki zuvor, der die Notwendigkeit der digitalen Transformation in Unternehmen veranschaulichte, standen auch im Gespräch mit Philipp M. Froben Veränderungsprozesse im Mittelpunkt, die Unternehmen heute bewältigen müssen, wenn sie auch in Zukunft erfolgreich bleiben möchten.

Als Geschäftsführer des Verlages M. DuMont Schauberg schilderte er die Situation im Printbereich und sieht Unternehmer in der Pflicht, Umwandlungen aktiv zu gestalten, anstatt nur zuzuschauen. „Wir jammern sehr viel, wie schlecht es uns geht. Und wir tun eigentlich zu wenig nach vorne, im Printbereich sowie Digitalbereich, um Innovationen herzustellen“, räumte er ein. Aus eigener Erfahrung als Herausgeber einer Jugendzeitung wisse er, dass Digitalisierung vor allem die Herausforderung bedeute, neue Geschäftsmodelle zu generieren. Ein Argument, was anschließend von Jörg Zajonc, Geschäftsführer von RTL West, noch einmal ausführlich und sehr emotional aufgegriffen wurde. Denn Digitalisierung müsse in erster Linie aus unternehmerischer Sicht sinnvoll sein. „Wir sind keine Nerds, die mit Scheuklappen durch die Gegend rennen und die Zukunft nicht sehen. Wir sind Menschen, die an das Geld anderer Menschen kommen müssen“, erklärte Zajonc.

Digitalisierungsprozesse seien demnach vor allem eine Frage des richtigen Geschäftsmodells. Denn schließlich ginge es auch darum, die eigenen Mitarbeiter dauerhaft bezahlen zu können und ihre Arbeitsplätze zu sichern.

Jörg Zajonc, Geschäftsführer von RTL West, fordert schnelleres Internet für alle und eine höhere Kundenorientierung der Anbieter. | © www.nickel-photography.com

Was mich echt ankotzt ist, dass alle, die sich ein bisschen kritisch mit dieser ganzen Geschichte auseinandersetzen als diejenigen gelten, die sowieso überholt werden. Am Ende aber sind wir immer noch Unternehmer, die Geld verdienen müssen. Jörg Zajonc, Geschäftsführer von RTL West

 

Die richtige Mischung aus analog und digital

Was bedeutet Digitalisierung für mich als Unternehmer? Sensibilisieren, zum Nachdenken anregen und Mut machen – mit diesem Anspruch ist der Digital Talk ins Leben gerufen worden. Die Talkrunde setzte sich auch an diesem Abend aus verschiedenen Studiogästen zusammen, die nicht nur auf die Fragen des Moderators eingingen, sondern auch auf die Einwände des Publikums vor Ort sowie der Zuschauer, die per Stream die Diskussion verfolgten und über digitale Kanäle wie Twitter kommentierten. Auch Frank Behrendt, Vorstand der Fischer Appelt AG, der an diesem Abend als dritter Gesprächspartner zu Gutjahr und Skibicki gebeten wurde, bildet eine Art Bindeglied zwischen Old und New Media. Als „erfahrener Kommunikator“, wie er sich selbst beschreibt, hege er eine große Faszination für die neuen Medien. Und erläuterte im weiteren Gespräch die drastischen Veränderungen in der Medien- und Musikbranche, die sich durch Digitalisierung vollziehen. Gemeint seien beispielsweise Folgen wie Fusionen und Verschmelzungen von Kommunikationskanälen – trotzdem müsse man diesen nicht ängstlich gegenüber stehen oder sie zu dramatisch sehen. „Die Welt ist ja nicht komplett digital, wir arbeiten ja auch noch für Kunden, die Zielgruppen jenseits der 40 und 50 haben. Wir haben einfach diesen Mix momentan, dass wir uns mit beiden Welten beschäftigen müssen“, erläuterte Behrendt.

Wie auch beim ersten Digital Talk ist das öffentliche Interesse an der Diskussion groß: Platz 2 für den #digitalk

 

Smartes Wohnen und ein flächendeckendes Breitbandnetz in Deutschland: Eine Zukunftsvision oder bereits Gegenwart?

Bei den Gesprächen rund um das Thema Digitalisierung sollte der Faktor nicht vernachlässigt werden, der all diese Prozesse physikalisch überhaupt erst möglich macht. Dr. Dieter Steinkamp, Vorstandsvorsitzender der Rheinenergie AG, erweiterte die Diskussion um die wichtige Perspektive des Energiemanagers, der eine flächendeckende und schnelle Vernetzung Deutschlands erreichen möchte. Auch die Rolle des Energielieferanten habe sich durch Digitalisierung gewandelt, die er deshalb heute als „Energieeffizienz-Optimierer“ beschreibt. Was die physikalischen Voraussetzungen für weitere Innovationen im Bereich Industrie 4.0, Internet der Dinge oder gerade smartes Wohnen anginge, sei er optimistisch: „Im Grunde sind wir in diesem Punkt längst da angekommen, haben in den Haushalten die Möglichkeiten geschaffen. Was jetzt noch kommen muss ist eine Kostenoptimierung. Und da hilft die Digitalisierung, das so zu verdichten und zu steuern, dass man das alles auch bezahlen kann“, erklärte Steinkamp und erwähnte, dass Köln immerhin das größte Breitbandnetz in Deutschland besäße. Im internationalen Vergleich stehe Deutschland dennoch hinten an, insistierte Gutjahr.

Als Grund dafür sieht Steinkamp die jeweiligen Erwartungen der Kunden, die sehr weit auseinander gehen. Es gäbe diejenigen, die eine sehr schnelle Verbindung erwarten, aber auch noch viele Menschen, die mit dem traditionellen System arbeiten. Diese Ungleichheiten müssten natürlich ausgebügelt werden, aber auch das sei eine Frage der Finanzierung.

Digitalisierungsexperte Skibicki sieht an diesem Punkt die Politik in der Verantwortung. Wasser, Strom, Straßenbau – auch die Internetverbindung sei heute elementar für die Menschen, veranschaulichte er. Doch das Handeln der Politik, auch unsere eigene Kraftanstrengung, sei zu wenig, um das nötige Umdenken zu forcieren. „Für die Zukunft eines Landes, eines Standortes kann das verheerend sein“, mahnte Skibicki. Großen Aufklärungsbedarf sah Moderator Gutjahr auch beim Thema Datensicherheit und Datenschutz und holte dafür Valentina Kerst als letzte Gesprächsteilnehmerin auf das Podium.

Valentina Kerst, Geschäftsführerin von Topiclodge und Co-Vorsitzende bei D64 e.V.

Valentina Kerst, Geschäftsführerin von Topiclodge und Co-Vorsitzende bei D64 e.V. zum Thema Datensicherheit und Datenschutz. | © www.nickel-photography.com

Als Geschäftsführerin von topiclodge, ein Unternehmen für strategische Internetberatung, und als Politikerin plädierte sie dafür, die Bürgerrechte beim Thema Digitalisierung verstärkt auf die Agenda zu setzen. Sie wünsche sich eine größere Sensibilisierung für Themen wie Datenschutz und ein stärkeres Bewusstsein der Bevölkerung im Umgang mit den eigenen Daten. „Ich wünsche mir vor allem eine Datentransparenz, damit ich überall herausfinden kann, was über mich gespeichert wird“, so die Unternehmerin. Dies könne zwar kein Wettbewerbsvorteil für Deutschland werden, wie viele Experten vermuten, aber, „wenn man ganzheitlich ein gutes Produkt auf den Markt bringt und dann noch den Datenschutz umsetzt, kann das erfolgreich werden“, führte Kerst aus und rundete damit die Diskussion inhaltlich ab.

Fazit: Digitalisierung bewegt uns alle!

Auch der zweite Digital Talk zeigte die Notwendigkeit, Unternehmer für das Thema Digitalisierung zu sensibilisieren und zu mobilisieren. Durch die unterschiedlichen Diskussionsteilnehmer wurde deutlich, dass es gerade das Miteinander und die dadurch entstehenden verschiedenen Perspektiven schaffen, die Komplexität im Bereich der Digitalisierung zu beleuchten und konkrete Strategien zum Umgang mit heutigen Veränderungsprozessen zu ermöglichen. Dafür braucht die Gesellschaft eine Plattform für den Austausch, der davon profitiert, auch einmal emotional geführt zu werden, wie an diesem Abend in der IHK Köln. Denn das unterstreicht die Tatsache, dass Digitalisierung ein Thema ist, das uns alle auf irgendeine Weise bewegt. Wie auch beim ersten Digital Talk im Mai betonten die Gäste in dieser Talkrunde, erst am Anfang einer wichtigen Entdeckungsreise zu stehen.

[selectivetweet float=“left“]Alle wichtige Informationen und Fakten zum zweiten #Digitalk – im Eventbericht. #Digitalisierung[/selectivetweet]

Der Fokus lag bei allen Experten jedoch auf dem aktiven Handeln, das jetzt gefordert sei. „Uns fehlt neben dem Mut die Sensibilisierung, dass heute die Welt durch Programmierer gestaltet wird. Und wir müssen vielmehr Menschen dafür begeistern“, rät Skibicki. Die drei Megatrends Social Media, Internet der Dinge und mobiles Internet müssten als ein elementarer Faktor behandelt werden, mit dem sich jeder Unternehmer – unabhängig von Größe und Branche – auseinandersetzen sollte: Welche Folgen haben diese Entwicklungen für mich? Und wie setze ich die digitale Transformation um? Aus Angst vor Veränderungen einfach stehenzubleiben, wäre ein großer Fehler: „Viele glauben noch, mit dem alten Gewachsenen in der neuen Welt erfolgreich zu sein. „Das wird nicht funktionieren“, prophezeit Skibicki.

 

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