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Die Evolution der Hardware

Ein Bericht über die Maker-Szene in Shenzhen/China

Wie entstehen neue Innovationen? Wie funktioniert Fortschritt? Woher kommen die abertausend elektronischen Gadgets auf der Welt? Alle diese Fragen können an einem Ort beantwortet werden: Shenzhen, das Silicon Valley von China. Hier hat sich in den letzten 20 Jahren eine IT-Industrie, eine Szene entwickelt, bei der sich alles um die Evolution der Hardware dreht.

Wer Shenzhen und die junge Startup-Szene, die sogenannte „Maker-Szene“, in China verstehen will, der kommt ins Seeed-Studio. Ching Chang Shong hat das Seeed-Studio vor einigen Jahren gegründet mit dem Ziel, jungen Bastlern und Erfindern Raum für ihr Hobby zu geben. Raum im Sinne von Büroraum. Raum aber vor allem im Sinne von: Platz für Ideen.

Bei Seeed kann sich jeder ein Büro oder einfach nur einen Schreibtisch mieten und sich ausprobieren. Im Kern geht es um Hardware und die Möglichkeiten der digitalen Welt. Hier treffen Menschen, Ideen, Knowhow und Materialien aufeinander. Seeed bietet eine Plattform, ein Netzwerk, in dem Ideen in erste Prototypen umgewandelt werden können. Diese werden in Teams weiterentwickelt, geteilt und verfeinert. Seeed stellt jedem Maker dafür bis zu 1.000 Teile zur Verfügung und natürlich alle möglichen Werkzeuge, vom Lötkolben bis zum 3D-Drucker.

Wer mehr Teile braucht, für größere Produkte oder eine erste kleine Serie, der geht in den nächsten Elektronikmarkt in Shenzhen. Ein Elektronikmarkt ist hier ein riesiges Einkaufszentrum über mehrere Etagen für elektronische Bauteile und Produkte. Hier gibt es alles, was das Bastlerherz begehrt. Hier werden IT- und elektronikbegeisterte Menschen zu Kindern. Von solchen Elektronikmärkten gibt es alleine in Shenzhen 17 Stück. Die Maker finden dort nicht nur alle Teile für ihre Produkte, sie bekommen auch jede gewünschte Stückzahl. Von der Platine, über Chips, über Sensoren bis hin kompletten Bauteilen und Endprodukten. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Dem Volumen aber auch nicht.

Sehen die Märkte von innen aus wie ein Kaufhaus und die vielen kleinen Händler in diesem Kaufhaus wie einfache Straßenhändler mit einer überschaubaren Auslage, so steht dahinter die komplette Industrie von Shenzhen und dem Perlflussdelta. Jedes Produkt kann in kürzester Zeit in Masse produziert werden. Stückzahl ist kein Limit. Zeit ist ein Limit.

Wer etwas auf Anhieb nicht findet, der nutzt „WeChat“, das chinesische WhatsApp-Pendant. Dieses ersetzt in China nicht nur WhatsApp, sondern ist auch schon weiterentwickelt. Über WeChat kommuniziert die Szene. Ein Foto eines Bauteils reicht und irgendjemand weiß, wo es das Teil gibt. Hinlaufen muss man nicht, alles kann auch online gekauft werden. Bezahlt wird dabei direkt über WeChat. Alles andere kostet nur unnötig Zeit und Zeit ist die wertvollste Ressource.

Von den restlichen Ressourcen haben die Chinesen mehr als genug. Die IT-Industrie ist direkt nebenan, die Region verfügt über 50 Millionen Einwohner. Arbeitskräfte sind also vorhanden. Es gibt hier nichts, was es nicht gibt. Die IT-Industrie mit ihren vielen Produktionsfirmen, die Elektronikmärkte mit ihrer Produktbreite und Verfügbarkeit, die Maker-Spaces mit ihren Bastlern und Erfindern und Keyplayer der Branche mit ihrem Know-How und ihrem Netzwerk. Das alles bildet hier ein eigenes Ökosystem. Man hat den Eindruck, jeder kennt jeden und jeder hilft jedem.

In diesem Ökosystem mitten in der Metropolregion rund um Shenzhen entstehen so Innovationen und neue Ideen am Fließband. Ohne große Hürden, ohne viel Bürokratie, ohne Limit. Und die meisten Entwicklungen sind Open Source. Jeder Entwickler, jeder Maker kann auf der Technologie von anderen Makern aufbauen. Die besten Ideen setzen sich automatisch durch, sprechen sicher herum, werden im Netzwerk bekannt. Seeed Studio unterstützt auch in dieser Phase und baut in kürzester Zeit eine Produktion für Tausenderstückzahlen auf. Über die Elektronikhändler werden die Einkaufspreise geklärt, an einem Tag steht die Produktionsplanung und los geht es.

Schafft ein Produkt den großen Durchbruch, stehen im Ökosystem ausreichende Produktionskapazitäten bereit. Fabriken mit kompletten Produktionsstraßen findet man an jeder Ecke. Der Weltmarkt kann kommen. Und dieser ist natürlich auch nur noch „einen Klick entfernt“. Über Alibaba, Amazon und Co. geht es raus in die Welt. Die Online-Riesen haben die Logistik und den Zugang zum Weltmarkt.

Was aus diesem Ökosystem entstehen kann, demonstrieren die Chinesen gerne mit Stolz am Beispiel von Huawei. Gestartet in der Maker-Szene von Shenzhen, hat sich Huawei innerhalb von knapp 30 Jahren zu einem der größten ICT-Unternehmen in China und einem Global Player entwickelt. 170.000 Menschen weltweit arbeiten für den Konzern, davon 79.000 in Forschung und Entwicklung. Gigantisch.

Was hier in Shenzhen abläuft, ist nichts anderes als ein evolutionärer Prozess. Die Evolution der Hardware. Das Ökosystem ist der Nährboden, auf dem neue Ideen und Innovationen entstehen. Wo aus kleinen verspielten Ideen große Produkte und Entwicklungen werden können, bis hin zu globalen Riesen. Und dies mit einer Geschwindigkeit, die sonst in kaum einer Ecke der Welt möglich ist. Nirgendwo anders gibt es wohl eine so hohe Dichte und ein so starkes Netzwerk rund um die Elektronik wie in der Region am Perlflussdelta. Verdeutlicht wird dies durch eine imposante Zahl: 90 % der Consumer-Elektronik weltweit kommen hierher. Eine Metropolregion mit 50 Mio. Menschen produziert die Elektronik für sieben Milliarden.

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Über den Autor

Ralph Friederichs
Ralph Friederichs

Ralph Friederichs ist Gründer und Geschäftsführer der CYBERDYNE IT GmbH aus Köln. Schon während seines Betriebswirtschaftsstudiums 1994 an der FH Köln gründete er dieses Unternehmen. CYBERDYNE ist ein IT-Service Dienstleister für mittelständische Unternehmen im Rheinland und beschäftigt aktuell 33 IT-Spezialisten. Ralph Friederichs ist Experte für IT-Sicherheit und digitale Unternehmensprozesse. Ehrenamtlich engagiert er sich seit vielen Jahren als Mitglied der Vollversammlung der IHK Köln.

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