Computer zum Anziehen

Smart Watches und Computer-Brillen sollen die Welt verändern. Doch was hat die Industrie von den tragbaren Computern? Viele Pilotprojekte zeigen, wie Angestellte in naher Zukunft effizienter und einfacher arbeiten können.

Das weltweite Weihnachtsgeschäft 2015 brachte eine Zeitenwende: Erstmals lagen mehr Smart Watches unter Weihnachtsbäumen auf der Welt als analoge Luxus-Uhren „Made in Switzerland“. Im vierten Quartal 2015 verkauften Hersteller wie Apple, Samsung und Co. 8,1 Millionen Computer-Uhren – ein Absatzplus von 316 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Schweizer Klassiker kamen hingegen nur auf 7,9 Millionen Stück. Der Absatz klassischer Zeitmesser schrumpfte also um fünf Prozent.

Mini-Computer für das Handgelenk oder an der Brille erfreuen sich bei Konsumenten immer größerer Beliebtheit, berichtete das amerikanische Analystenhaus Strategy Analytics im Februar dieses Jahres. Zudem haben Smartphones – oftmals der technische Sparrings-Partner sogenannter Wearables wie Smart Watches, Computer-Brillen und Fitness-Armbänder – in Deutschland eine solche Verbreitung erlangt, dass schon als Außenseiter gilt, wer keines besitzt. Die Basis für eine noch stärkere Verbreitung von Wearables ist also gegeben. Doch sind die Geräte nur ein Spielzeug für Erwachsene? Oder lässt sich mit ihnen auch arbeiten? „Viele Konsumenten-Geräte sind für die Industrie nicht robust genug“, sagt Thomas Knieling vom Fraunfhofer-Institut für Siliziumtechnologie (ISIT) in Itzehoe. Doch der stellvertretende Leiter der Abteilung für Wearables und Printed Electronics meint, dass Wearables in Zukunft auch bei Unternehmen eine entscheidende Rolle spielen werden. „Mehrere Unternehmen und Forscher arbeiten zurzeit daran, Wearables für Geschäftskunden zu entwickeln.“ Nur werden diese Geräte anders aussehen, als die aus der Werbung von Apple und Samsung. Und sie werden ganz andere Computerprogramme laufen lassen.

Unternehmen haben besondere Anforderungen
Das Problem: Die Technologie für Konsumenten entspricht nicht den Anforderungen vieler Industrieunternehmen: Fitnessmessungen sind nicht präzise genug für einen Betriebsarzt. Navigationssystem für Smart Watches funktionieren nicht in den Hallen eines Logistik-Unternehmens. Unternehmen bräuchten Spezialanwendungen, sagt auch Fraunhofer-Forscher Knieling. „Dafür wird die Konsumenten-Technologie nicht programmiert.“
Der Fraunhofer-Wissenschaftler spricht aus Erfahrung. Er entwirft im Rahmen einer Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zurzeit ein Wearable für die Industrie. Es heißt MoniShirt, und besteht hauptsächlich aus drei flexiblen Teilen: Zwei Sensorflächen und einem Elektronikbaustein, über den das Wearable mit dem Smartphone kommuniziert. Besonders älteren Mitarbeitern soll dieses Wearable helfen. Die Sensoren, an Ellenbogen und Unterarm angebracht, erfassen Daten darüber, wie ein Mitarbeiter seine Arbeitsschritte ausführt. Ziel ist es, Bewegungen, die über lange Zeit zu körperlichen Schäden führen können, frühzeitig zu erkennen und vorzubeugen. Noch befindet sich das Gerät in der Testphase. Aber mögliche Abnehmer säßen bereits im Projektbeirat von Monishirt, heißt es in einer Projektbeschreibung des Fraunhofer-Instituts.

Schneller Arbeiten, dank freier Hände
Auch das Münchener Start-Up ProGlove bastelt derzeit an einem Wearable für Industrie und Logistik. Das Unternehmen entwickelt einen smarten Handschuh – vollgestopft mit Kommunikationssoftware, die Informationen über seinen Träger sammelt und ihm bei der Arbeit hilft. Zum Beispiel zeigt der Handschuh an, welches Werkzeug ein Arbeiter für ein Werkstück verwenden muss und warnt ihn, wenn er einen wichtigen Arbeitsschritt ausgelassen hat. Noch steckt das Projekt in der Entwicklungsphase, aber der IT-Riese Intel setzt bereits große Hoffnung in die Münchner Wearable-Entwickler: Bereits vor eineinhalb Jahren ehrte Intel die Münchner mit dem dritten Preis in einem internationalen Wearable-Wettbewerb und belohnte sie mit 100.000 US-Dollar Preisgeld.

Bei all der Technik, die in den Computern am Handgelenk steckt, wirkt einer ihrer größten Vorteile nahezu banal: Angestellte haben die Hände frei. Besonders in Logistik-Unternehmen ist das ein enormer Vorteil, fasst etwa das Logistikunternehmen DHL seine Erkenntnisse aus einem Wearable-Testlauf zusammen, den DHL im vergangenen Jahr in einem niederländischen Logistikzentrum durchführte. Bisher mussten Kommissionäre einen Handscanner tragen. Wollten sie einen großen Karton aus einem Regal heben, müssten sie den Scanner erst einmal beiseite legen. DHL stattete daher einige seiner Logistik-Angestellten mit Computer-Brillen aus. Im Brillen-Bildschirm sahen die Mitarbeiter, wo sie welche Gegenstände einsammeln mussten, das Gerät scannte den Auftrag automatisch und vermerkte die Stelle, wo der Logistiker den Gegenstand im Trolley platzieren soll. Laut DHL arbeiteten die Smart-Brillen-Träger bis zu 25 Prozent effizienter im Vergleich zu ihren Kollegen mit Handscanner.

Rechtliche Rahmenbedingungen stehen noch aus
Trotz allem Nutzen: Bei Business-Wearables ist vor allem in Sachen Datenschutz noch einiges ungeklärt. Das Arbeitsrecht schützt Mitarbeiter vor Überwachung durch den Chef – man erinnere sich nur an Videokameras, mit denen Einzelhändler vor wenigen Jahren ihre Kassiererinnen im Supermarkt ausgespäht haben. Ebenso überwacht eine smarte Arbeitshilfe am Handgelenk die Mitarbeiter. Zwar sollen die Anwendungen meist direkt die einzelnen Mitarbeiter unterstützen, jedoch müssen sich Arbeitnehmer weitaus mehr Informationen über sich preisgeben. „Arbeitgeber können durch den Einsatz von Wearables äußert sensible Daten abrufen“, sagt Fraunhofer-Forscher Knieling. „Es entsteht ein ganz neuer Aspekt der Kontrolle.“ Erst einmal sei die Politik gefragt, rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen.

Rechtlich geklärt ist bisher nur was passiert, wenn man einen Computer zum Anziehen privat nutzt. Besonders Wissensarbeiter können davon schon heute profitieren. Tragen sie eine Smart Watch, brauchen sie zum Beispiel nicht mehrere hundert Mal pro Tag auf ihr Smartphone schauen. Mit einer leichten Vibration am Handgelenk macht das Gerät auf sich aufmerksam und zeigt Managern an, wer ihnen eine E-Mail geschickt hat, oder wann sie einen Termin haben. Zudem experimentieren erste Fluglinien mit Flugtickets für tragbare Mini-Computer. So können die kleinen Helfer dafür sorgen, dass das Leben für Manager schon jetzt weniger stressig ist.

Foto: Pixabay

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